Was genau bedeutet Insolvenz?
Die Insolvenz bedeutet, dass ein Unternehmen oder eine Privatperson finanziell nicht mehr in der Lage ist, Gläubiger:innen rechtzeitig zu bezahlen. In so einer Situation gibt es für das Unternehmen und die Beteiligten meist zwei Möglichkeiten:
- Außergerichtliche Restrukturierung: Das Unternehmen und seine Gläubiger:innen versuchen, die finanziellen Probleme ohne Gericht zu lösen.
- Gerichtliches Bankruptcy-Verfahren in den USA: Das Unternehmen beantragt Schutz und einen geregelten Rahmen nach dem US Bankruptcy Code. Bei Chapter 7 werden die Vermögenswerte verkauft, um Gläubiger:innen zu bezahlen. Bei Chapter 11 darf das Unternehmen weiterarbeiten und versucht gleichzeitig, seine Finanzen zu restrukturieren.
Wichtig ist der Unterschied: Insolvenz beschreibt einen finanziellen Zustand. Bankruptcy, im Deutschen häufig als Bankrott bezeichnet, ist ein konkretes rechtliches Verfahren, das genutzt werden kann, um mit dieser Situation umzugehen.
Welche Kriterien führen zur Insolvenz?
Um festzustellen, ob ein Unternehmen insolvent ist, nutzt man in der Praxis meist zwei Tests.
Der erste ist der Cashflow-Test, auch Equitable Insolvency genannt. Er prüft, ob ein Unternehmen seine laufenden Zahlungsverpflichtungen pünktlich erfüllen kann. Dazu zählen zum Beispiel Rechnungen, Miete, Kreditraten und Gehälter. In der Analyse schaut man sich dafür häufig die Kapitalflussrechnung, den Free Cash Flow und das Nettoumlaufvermögen an. Ist keine ausreichende Liquidität vorhanden und reichen die operativen Mittelzuflüsse nicht aus, gilt das Unternehmen als cashflow-insolvent, selbst wenn es auf dem Papier noch Vermögenswerte besitzt.
Der zweite ist der Bilanztest. Hier wird geprüft, ob die Verbindlichkeiten höher sind als die Vermögenswerte zum fairen Marktwert. Zur Bewertung der Vermögenswerte können Methoden wie die Discounted-Cashflow-Analyse (DCF) herangezogen werden, um den Barwert zukünftiger Zahlungsströme zu bestimmen. Übersteigen die Schulden das Vermögen, ist das Equity Value rechnerisch aufgezehrt und das Unternehmen gilt als bilanziell insolvent, auch wenn kurzfristig noch genug Liquidität vorhanden ist, um Rechnungen zu bezahlen.
Wie lässt sich eine Insolvenz vermeiden?
Die gute Nachricht ist: Insolvenz ist oft vermeidbar, wenn Unternehmen finanzielle Probleme frühzeitig erkennen und konsequent angehen. Grundsätzlich geht es dabei um drei Dinge: Liquidität, Kapitalstruktur und operative Abläufe zu stabilisieren.

Um Cashflow-Insolvenz zu vermeiden, müssen Liquiditätsprobleme rechtzeitig gelöst werden. Dafür ist eine saubere und regelmäßige Cashflow-Planung entscheidend. So lassen sich Engpässe früh erkennen und gegensteuern. Typische Maßnahmen sind zum Beispiel, offene Forderungen schneller einzuziehen oder längere Zahlungsziele mit Gläubiger:innen zu verhandeln.
Eine bilanzielle Insolvenz lässt sich durch ein gutes Management der Kapitalstruktur verhindern. Ziel ist ein gesundes Verhältnis zwischen Fremd- und Eigenkapital. Unternehmen erreichen das, indem sie Kennzahlen im Blick behalten, zu hohe Verschuldung vermeiden, Finanzierungsquellen streuen und Kreditauflagen aktiv verhandeln.
Am wichtigsten ist jedoch, die eigentlichen Ursachen im Geschäft anzugehen. Je nach Situation kann das bedeuten, Kosten zu senken, verlustreiche Geschäftsbereiche zu beenden, den Businessplan zu überdenken oder das Unternehmen so auszurichten, dass es künftig mehr Cash generiert.
Was sind die Konsequenzen einer Insolvenz?
Sobald ein Unternehmen insolvent ist, haben die Entscheidungen von Management und Gläubiger:innen große Auswirkungen auf den Geschäftsbetrieb, den Ruf und die rechtliche Situation. Gläubiger:innen können klagen, Sicherheiten verwerten oder ein Gericht einschalten, um ein Zwangsinsolvenzverfahren einzuleiten. Wird ein formelles Verfahren gestartet, übernehmen häufig ein Insolvenzverwalter:innen oder eine gerichtlich eingesetzte Geschäftsführung die Kontrolle über wichtige finanzielle und strategische Entscheidungen.
Weitere typische Folgen sind:
- Reputationsschäden: Finanzielle Probleme sprechen sich schnell herum. Das Vertrauen von Kund:innen, Lieferant:innen und Partner:innen leidet darunter.
- Verlust des Zugangs zu Finanzierung: Lieferant:innen verschärfen Zahlungsbedingungen oder geben kein neues Kreditlimit mehr frei. Dadurch verschlimmern sich Liquiditätsprobleme oft weiter.
- Liquidation oder Schließung: Wenn es keinen realistischen Weg gibt, das Unternehmen wieder wirtschaftlich stabil aufzustellen, muss der Betrieb eingestellt werden. Vermögenswerte werden verkauft, um Gläubiger:innen nach einer festen Reihenfolge zu bezahlen.
Auch für Gläubiger:innen hat eine Insolvenz Folgen. Sie erhalten ihr Geld oft nicht vollständig zurück, da die Verteilung der Erlöse gesetzlich geregelt ist und besicherte Gläubiger:innen zuerst bedient werden.
Typische Interviewfragen rund um die Insolvenz
Fragen dieser Art kommen vor allem in Interviews für Restrukturierungs-Teams im Investment Banking oder Consulting vor. Getestet wird, ob du den Ablauf verstehst und logisch mit finanziellen Krisen umgehen kannst. Hier ein paar typische Beispiele.
1. Kann ein Unternehmen insolvent sein, ohne ein Insolvenzverfahren zu durchlaufen?
Ja. Ein Unternehmen kann insolvent sein, ohne ein formelles Verfahren zu starten. Insolvenz bedeutet, dass Rechnungen oder Schulden nicht pünktlich bezahlt werden können oder dass die Schulden höher sind als das Vermögen.
Ein Bankruptcy Verfahren, oft auch als Bankrottverfahren bezeichnet, ist dagegen ein rechtlicher Schritt, bei dem das Unternehmen offiziell Schutz vor Gläubiger:innen beantragt.
2. Wie prüfst du anhand von Finanzzahlen, ob ein Unternehmen insolvent ist?
Für Cashflow Probleme schaust du dir die Cashflow Rechnung an. Ein negativer operativer Cashflow ist ein Warnsignal. Zusätzlich prüfst du in der Bilanz, ob genügend liquide Mittel vorhanden sind, um kurzfristige Schulden zu bezahlen.
Für eine bilanzielle Insolvenz vergleichst du in der Bilanz, ob die Verbindlichkeiten höher sind als die Vermögenswerte.
3. Was bedeutet Automatic Stay und Debtor in Possession Financing?
Automatic Stay (Chapter 7) ist ein Schutzmechanismus im US Bankrottverfahren. Er stoppt sofort Klagen, Pfändungen und Inkassomaßnahmen von Gläubiger:innen gegen das Unternehmen.
Debtor in Possession Financing (Chapter 11) bezeichnet neue Kredite, die ein Unternehmen während eines laufenden Bankrottverfahrens erhält. Dieses Geld wird genutzt, um den laufenden Betrieb aufrechtzuerhalten. Die Kreditgeber:innen werden dabei meist zuerst zurückbezahlt.