2. Du gerätst ins Stocken, wenn das Interview vom üblichen Ablauf abweicht
Final-Round-Interviews können teilweise weniger strukturiert sein als R1.
- Partner:innen können beispielsweise deine Struktur unterbrechen, eine Annahme hinterfragen, ungewöhnliche Follow-up-Fragen stellen oder den Case eher zu einer Business-Diskussion machen, anstatt sich an eine Reihe typischer Case-Interview-Fragen zu halten.
- Manche Partner:innen stellen sehr unkonventionelle Fragen oder weichen sogar vollständig vom standardmäßigen Case-Interview-Format ab.
Das kann Kandidat:innen entlarven, die sich zu stark auf das typische Case-Interview-Format verlassen. Ich habe viele Kandidat:innen erlebt, die in solchen Situationen in Panik geraten oder komplett blockieren und dadurch nicht mehr in der Lage sind, überzeugend auf die Fragen oder das veränderte Format zu reagieren.
Wenn du einer/einem erfahrenen Interviewer:in keine starke Antwort geben kannst, wirst du das Interview sehr wahrscheinlich nicht bestehen. Wenn deine Leistung deutlich abfällt, sobald sich das Format verändert, ist das meist ein Zeichen dafür, dass du gelernt hast, einen bestimmten Case-Typ zu lösen, anstatt wirklich kritisch zu denken und Probleme so zu lösen, wie Berater:innen es tun.
3. Dein Business Judgment ist nicht stark genug
Partner:innen legen häufig großen Wert auf Business Judgment und „Common Sense“, weil genau das im Kern von Consulting steht.
- Du kannst beispielsweise eine perfekt MECE strukturierte Lösung haben, aber trotzdem schwaches Business Judgment zeigen, wenn es darum geht, welche Themen besonders interessant oder prioritär zu untersuchen sind.
- Oder du kannst eine Brainstorming Frage beantworten, erkennst aber nicht die breiteren Business-Dynamiken, auf die die Frage der Interviewer:innen eigentlich abzielt.
Kund:innen bezahlen Berater:innen nicht dafür, lediglich Frameworks anzuwenden oder Berechnungen durchzuführen. Jedes Framework und jede Berechnung müssen in den richtigen Kontext eingeordnet und mit einer nachvollziehbaren Logik begründet werden.
4. Du kommst nicht zu echten Insights
Je erfahrener die Interviewer:innen sind, desto stärker achten sie auf Insights. Kandidat:innen, die es nicht schaffen, die Diskussion über die oberflächliche Ebene hinauszuführen, scheitern häufig in der zweiten Runde.
- Du denkst beispielsweise, dass du einen Chart oder Graphen gut interpretierst, machst aber eigentlich nur Beobachtungen oder beschreibst das Offensichtliche, anstatt echte Insights abzuleiten.
- Oder du führst deine Berechnungen korrekt durch, schaffst es aber nicht, strategisch zu denken und die Bedeutung der Zahlen auf eine höhere Ebene zu bringen.
Schwache oder durchschnittliche Kandidat:innen machen hauptsächlich Beobachtungen. Starke Kandidat:innen kommen zu Insights. Das bedeutet, über das Offensichtliche hinauszugehen und das „Na und?“ erklären zu können.
Am Ende erwarten Kund:innen von Berater:innen, dass sie ihnen etwas Neues aufzeigen, also echte Insights liefern. Das ist wohl einer der grundlegendsten Aspekte im Consulting und etwas, worauf erfahrene Interviewer:innen besonders achten.
5. Deine Leistung ist nicht konstant genug
Manchmal hattest du in R1 einfach ein wenig Glück.
- Vielleicht hast du in R1 einen Case erhalten, den du bereits kanntest, in einer Branche, mit der du vertraut warst, oder genau den Fragetyp, den du vorher intensiv geübt hattest.
- Vielleicht weißt du auch aus deiner normalen Vorbereitung bereits, dass manche Cases sehr gut laufen und andere deutlich schlechter.
Konsistenz ist entscheidend – es reicht aus, wenn dich nur ein/eine Interviewer:in in der finalen Runde nicht bestehen lässt. Du musst in beiden Final-Round-Interviews konstant auf einem hohen Niveau performen können. Deshalb ist die Anzahl der Cases, die du bereits gemacht hast, nicht unbedingt ein guter Indikator dafür, wie interview-bereit du bist. Die wichtigere Frage lautet daher: Kannst du unabhängig davon, welchen Case du bekommst, konstant eine starke Leistung zeigen?
Praktische Tipps zur Vorbereitung auf die finale Runde
Damit du in der finalen Runde überzeugen kannst, empfehle ich dir folgende praktische Schritte:
1. Frage nach R1 nach Feedback
Gehe nicht davon aus, dass alles perfekt gelaufen ist, nur weil du bestanden hast. Versuche sowohl deine Stärken als auch deine Schwächen aus R1 zu verstehen, damit du einschätzen kannst, welche Punkte die Interviewer:innen möglicherweise noch einmal überprüfen möchten.
Nicht jede Firma und nicht jede/jeder Interviewer:in gibt detailliertes Feedback. Wenn du keines erhältst, solltest du deine eigene Leistung kritisch analysieren. Wo hattest du Schwierigkeiten? Wo hat dein/deine Interviewer:in besonders nachgehakt? Welche Antworten waren am wenigsten überzeugend?
2. Übe gezielt deine Schwächen
Sobald du deine Schwächen identifiziert hast, solltest du gezielt daran arbeiten. Einfach weitere 20 vollständige Cases zu machen, ist nicht immer die effizienteste Form der Vorbereitung.
Einige Bereiche lassen sich deutlich leichter alleine oder mit Peers trainieren, beispielsweise Berechnungen oder Brainstorming. Bei anspruchsvolleren Bereichen wie Structuring, kritisches Denken und dem Ableiten von Insights brauchst du dagegen qualitativ hochwertiges Feedback von erfahrenen Interviewer:innen, wenn du dich effektiv verbessern möchtest.
3. Mache eine realistische Partner-Level-Simulation
Versuche mindestens ein Partner-Style Mock Interview zu absolvieren, bei dem nicht alles nach Plan läuft.
Idealerweise übst du mit einer Person, die erfahren genug ist, um zu verstehen, wie sich ein echtes Partner-Level Interview anfühlt und wie ein/eine MBB Partner:in denkt. Peers und Junior Consultants können hervorragende Übungspartner:innen für R1 sein. Für viele angehende Berater:innen ist es jedoch schwierig, ein solches Interview realistisch zu simulieren, wenn sie selbst noch keine Erfahrung im Umgang mit Senior Stakeholdern im Consulting oder in der direkten Arbeit mit Kund:innen haben.
4. Stelle sicher, dass deine Fundamentals wirklich sitzen
Letztlich führen viele der oben genannten Gründe auf dasselbe Problem zurück: schwache Fundamentals. Die Fähigkeiten, die in R2 getestet werden, unterscheiden sich grundsätzlich nicht von R1. Du musst weiterhin gut strukturieren, Informationen analysieren, Business Judgment zeigen, klar kommunizieren und Insights entwickeln können. Was sich verändert, ist die Art und Weise, wie diese Fähigkeiten getestet werden. Wenn du nur dann strukturieren kannst, wenn du ausdrücklich dazu aufgefordert wirst, eine Struktur zu erstellen, oder nur Cases lösen kannst, die einem bekannten Format folgen, dann sind deine Fundamentals wahrscheinlich noch nicht stark genug.
Du kannst dich nicht auf jede ungewöhnliche Frage vorbereiten, die ein/eine Partner:in möglicherweise stellt. Stattdessen solltest du deine grundlegenden Fähigkeiten so weit entwickeln, dass es im Idealfall keine große Rolle mehr spielt, welche Frage dir gestellt wird oder wie sie formuliert ist.
Das ist die sicherste Art, dich auf die finale Runde vorzubereiten.