Unser Kundenunternehmen BeautyCo ist ein großes europäisches Parfümerieunternehmen mit 500 Filialen in ganz Europa. Allerdings kämpft BeautyCo seit einiger Zeit mit einem Rückgang der Gewinne und möchte gemeinsam mit uns die Ursachen sowie mögliche Maßnahmen verstehen. Als ersten Schritt sollen wir daher die Ursachen der Profitabilitätsprobleme identifizieren.
Case-Frage:
Zusammengefasste Lösung
Die klare Strukturierung des Problems (Entwicklung eines Profitabilitäts-Treiberbaums für BeautyCo) sowie ausgeprägte quantitative Fähigkeiten (Berechnung von Gewinnmargen, Marktanalyse) sind entscheidend. Darüber hinaus testet dieser Case auch die Kreativität der Kandidat:innen (Entwicklung möglicher Gegenmaßnahmen).
Frage 1: Nach der Herleitung eines Profitbaums sollten die Kandidat:innen zum Schluss kommen, dass der Profitabilitätsrückgang durch ein sinkendes Volumen verursacht wird. Identifiziert werden sollte insbesondere, dass der Rückgang auf eine Verschiebung von Offline zu Online sowie auf einen relativen Marktanteilsverlust gegenüber Amazon zurückzuführen ist – ausgelöst durch niedrigere Preise bei Amazon.
Frage 2: Die Kandidat:innen sollten den Gewinn und die operative Marge von BeautyCo berechnen, die bei 60 % bzw. 8 % liegen, was kaum Spielraum für Preissenkungen lässt. Anschließend sollte diskutiert werden, wie Amazon niedrigere Preise anbieten kann, dabei sollten nicht nur Skaleneffekte, sondern auch der „Graue Markt“ als Beschaffungsquelle identifiziert werden.
Frage 3: Die Kandidat:innen sollten die Gesamtgröße des Grauen Marktes berechnen und erkennen, dass dieser einen erheblichen Anteil am Gesamtmarkt ausmacht – nämlich 34 %.
Frage 4: BeautyCo sollte in Betracht ziehen, leichten Druck auf Lieferanten auszuüben und sich gleichzeitig als strategischer Partner zu positionieren, um gemeinsam den Markt vor grauen Waren zu schützen.
Frage 1: Welche Treiber könnten den Rückgang der Profitabilität bei BeautyCo verursachen?
Im ersten Schritt sollten die Kandidat:innen einen Profitabilitätsbaum für BeautyCo aufstellen.
Dieser ergibt sich aus:
- (a) Umsatz minus (b) Kosten
- Der Umsatz setzt sich zusammen aus
- (aa) Anzahl verkaufter Produkte mal
- (ab) Preis pro Produkt
- Die Kosten setzen sich zusammen aus
- (ba) Fixkosten plus
- (bb) variable Kosten
Anschließend sollten die Kandidat:innen Hypothesen ableiten und gezielte Fragen stellen, um die Ursache zu identifizieren.
Frage 1.1: Woher rühren die Profitabilitätsprobleme von BeautyCo?
- Die Umsätze von BeautyCo sind deutlich zurückgegangen.
- Sowohl die Fixkosten als auch die variablen Kosten pro Einheit (COGS) sind unverändert geblieben.
- Die Verkaufspreise von BeautyCo haben sich nicht verändert.
Die Kandidat:innen sollten zu dem Schluss kommen, dass die Profitabilitätsprobleme von BeautyCo entweder auf eine Veränderung im Produktmix zurückzuführen sind (z. B. mehr Verkäufe von günstigen Produkten, weniger von hochpreisigen) oder darauf, dass BeautyCo grundsätzlich weniger Produkte verkauft.
- BeautyCo verkauft Produkte in drei Segmenten: Parfums, Kosmetik und Hautpflege.
- Der Produktmix und deren relativer Umsatzanteil sind gleichgeblieben.
- Auch das Verhältnis von hochpreisigen zu niedrigpreisigen Produkten hat sich nicht wesentlich verändert.
- Zudem bestehen keine Verfügbarkeitsprobleme und es sind keine Produkte ausverkauft.
Die Kandidat:innen sollten nun ableiten, dass die Profitabilitätsprobleme aus einem Absatzrückgang resultieren, der durch eine nachlassende bzw. veränderte Nachfrage verursacht wird. Daher ist es sinnvoll, das gesamte Marktumfeld zu betrachten, um zu identifizieren, woher die Veränderung der Nachfrage kommt.
Frage 1.2: Welchen Einfluss hat das Marktumfeld auf die sinkenden Gewinne von BeautyCo?
Um die Veränderung der Nachfrage besser zu verstehen, werfen wir einen Blick auf Grafik 1, die den deutschen Beauty-Markt in den Jahren 2012 und 2022 darstellt.
Die Kandidatin bzw. der Kandidat sollte anhand von Grafik 1 folgende Punkte erkennen:
- Der Markt ist von 2012 bis 2022 um rund 15 % gewachsen.
- Der stationäre Handel ist deutlich geschrumpft, während der Onlinehandel stark gewachsen ist (mehr als viermal so groß wie vor zehn Jahren).
- Amazon und andere Online-Anbieter sind starke Wettbewerber für den Online-Shop von BeautyCo und nehmen ihm Marktanteile ab.
- Auch der Drogeriemarkt wächst.
Die Umsätze von BeautyCo sind zurückgegangen, weil das Unternehmen Marktanteile an andere Anbieter verloren hat – in erster Linie an Amazon und Drogerien, getrieben durch die Verschiebung von Offline zu Online. Dies verursacht den Absatz- und Profitabilitätsrückgang.
Frage 1.3: Warum kaufen Kund:innen eher bei Amazon und anderen Online-Anbietern als bei BeautyCo?
Die Kandidat:innen sollten folgende Optionen in Betracht ziehen (Antworten können von der/dem Interviewer:in gegeben werden):
- Größeres Produktangebot bei Amazon -> Nein, das ist nicht der Fall.
- Mehr Bequemlichkeit für die Kundschaft -> Nur eingeschränkt relevant – der Online-Shop von BeautyCo ist mit Amazon und Co. vergleichbar.
- Zugänglichkeit und Verfügbarkeit -> Der Online-Shop von BeautyCo erscheint unter den Top-Ergebnissen bei Google und anderen großen Suchmaschinen, der Weg dorthin ist für Kund:innen also unkompliziert.
- Markenbekanntheit -> BeautyCo verfügt über eine sehr bekannte Marke.
- Bessere Preise -> Ja. Besonders in der Kategorie Parfums. Dies wird für spätere Analysen entscheidend sein.
Frage 2: Wie hoch sind die aktuelle Bruttomarge und die operative Gewinnmarge von BeautyCo?
Die Kandidat:innen sollten wissen – oder durch Hinweise darauf aufmerksam gemacht werden –, dass die Bruttomarge (Gross Profit Margin) die Umsätze abzüglich der COGS (Cost of Goods Sold = variable Kosten) berücksichtigt, während die operative Gewinnmarge (Operating Profit Margin) zusätzlich die Fixkosten abzieht.
Daher müssen folgende Aspekte berechnet werden:
- Umsatz
- Variable Kosten
- Fixkosten
- Anschließend: Bruttomarge und operative Gewinnmarge.
Anhand von Grafik 1 sollten die Kandidat:innen die Umsätze schätzen (Rundungen sind zur Vereinfachung der Berechnung in Ordnung):
- Offline: 50 % × €1.700 Mio. = €850 Mio.
- Online: 30 % × €650 Mio. = €195 Mio.
- Gesamtumsatz: €850 Mio. + €195 Mio. = €1,045 Mrd.
1. Variable Kosten (von Interviewer:in bereitzustellen):
- Gesamte variable Kosten: €400 Mio.
2. Fixkosten (die Kandidat:innen sollten die folgenden Kategorien ohne große Unterstützung identifizieren und Annahmen sowie fundierte Schätzungen zu den Zahlen treffen; die/der Interviewer:in kann bei Bedarf unterstützen):
- Personalkosten für Mitarbeitende: 10.000 Mitarbeitende × €40.000 Durchschnittsgehalt = €400 Mio.
- Filialen:
- Filialmiete: €10.000 pro Filiale
- Anzahl der Filialen: 500
- Gesamtkosten für Filialen: €10.000 × 500 × 12 Monate = €60 Mio.
- Marketingausgaben: €40 Mio.
- Sonstige Fixkosten:
- Sonstige SG&A wie Verwaltung, Versicherungen, Recht, Nebenkosten: €10 Mio.
- Wartung des Online-Shops: €10 Mio.
- Gesamte Fixkosten: €520 Mio.
- Gesamtkosten (variabel + fix): €920 Mio.
Die Kandidat:innen sollten nun mit den oben berechneten Zahlen Gewinn und operative Marge berechnen.
Die Kandidat:innen können die Umsätze zur Vereinfachung auf €1 Mrd. runden.
- Bruttogewinn: €1 Mrd. - €400 Mio. = €600 Mio.
- Bruttomarge: €600 Mio. / €1 Mrd. = 60 %
- Operativer Gewinn: €600 Mio. - €520 Mio. = €80 Mio.
- Operative Marge: €80 Mio. / €1 Mrd. = 8 %
Frage 2.1: Wie gelingt es Amazon, zu niedrigeren Preisen zu verkaufen?
Nachdem die Kandidat:innen die Margen für BeautyCo berechnet haben, sollten sie ableiten, dass BeautyCo aufgrund seiner operativen Gewinnmarge von 8 % nur begrenzten Spielraum für Preissenkungen hat. Würde BeautyCo die Preise senken – bei sonst gleichen Bedingungen –, könnte die Profitabilität sehr schnell zu stark zurückgehen und sogar Verluste verursachen. Wir wissen jedoch, dass Amazon für Kund:innen insbesondere wegen der niedrigeren Preise attraktiver ist – vor allem in der Kategorie Parfums.
Dies ist eine Brainstorming-Übung, um zu erörtern, wie Amazon es schafft, niedrige Preise festzulegen.
Die Kandidat:innen sollten einige der folgenden Aspekte nennen:
- Skalenvorteile: Amazons globale Größe übertrifft die von BeautyCo deutlich. Dadurch hat Amazon eine stärkere Verhandlungsmacht und kann Produkte günstiger einkaufen. Außerdem fallen als reiner Online-Anbieter geringere Fixkosten an (z. B. keine Filialmieten).
- Strategische Priorität: Amazon kann eine aggressive Preispolitik verfolgen (mit geringen Margen oder sogar Verlusten), um in einen Markt einzutreten und Marktanteile zu gewinnen.
- Marketplace auf Amazon: Amazon hat nur begrenzte Kontrolle über Drittanbieter auf seiner Plattform und deren Preisgestaltung.
- Grauer Markt: Amazon und Drittanbieter kaufen ausschließlich auf dem „Grauen Markt“ ein (Produzenten und Distributoren verkaufen einen Teil ihrer Produkte über inoffizielle Vertriebskanäle zu günstigeren Preisen).
Wenn die Kandidat:innen den Grauen Markt nicht ansprechen, sollte die/der Interviewer:in diese Information weitergeben.
- Grauer Markt (Information, die mit der/dem Kandidat:in geteilt wird, nachdem er/sie seine/ihre Vermutung zum Grauen Markt geäußert hat):
- Die Hersteller verkaufen ihre Produkte an sogenannte Graumarkt-Distributoren, die diese anschließend an Unternehmen wie Amazon weiterverkaufen.
- Die Waren stammen oft aus anderen Ländern (Arbitrage).
- Hersteller selbst verkaufen Produkte zu niedrigeren Preisen an Graumarkt-Distributoren, z. B., um Absatzziele zu erreichen oder Überschussware loszuwerden – und ruinieren damit ihre eigene Preisstruktur.
Frage 3: Wie groß ist der Graue Markt in Deutschland?
Viele Marktteilnehmer beziehen einen Teil ihres Verkaufsvolumens über den Grauen Markt. Um das Problem besser zu verstehen, sollten wir uns die Größe des Grauen Marktes ansehen. Die/der Interviewer:in sollte die/der Kandidat:in direkt Grafik 2 zeigen.
Im nächsten Schritt kann die Größe des Grauen Marktes berechnet werden (schriftlich).
€900 Mio. x 0 % + €800 Mio. x 20 % + €200 Mio. x 12 % + €500 Mio. x 100 % + €300 Mio. x 100 % + €200 Mio. x 0 % + €150 Mio. x 35 % = €1.036,5 Mio.
Wichtig ist, dass die Kandidat:innen nach der Berechnung darüber nachdenken, ob diese Zahl realistisch ist. Daher ist es sinnvoll, sie in den Kontext des Gesamtmarktes aus Grafik 1 zu setzen.
€1.036,5 Mio. / €3.050 Mio. = ~0,34 = ~34 %
Der Graue Markt macht also rund 34 % des Gesamtmarktes aus – dies wirkt realistisch und relevant. Außerdem sollten die Kandidat:innen feststellen, dass BeautyCo laut Grafik 2 der einzige große Anbieter ist, der nicht aus dem Grauen Markt bezieht, was BeautyCo einen erheblichen Wettbewerbsnachteil verschafft.
Frage 4: Was kann BeautyCo tun, um die eigene Wettbewerbsfähigkeit zu steigern?
Diese Aufgabe dient als Brainstorming für die Kandidat:innen (Kreativität ist hier gefragt, zusätzliche Ideen sind ausdrücklich willkommen):
- Produkte auch über den Grauen Markt beziehen
- Pro: Niedrigere Einkaufspreise und damit höhere Wettbewerbsfähigkeit
- Contra: Mögliche Folgen nach Vertragsrecht; Risiko, den eigenen Hersteller zu verlieren; Reputationsrisiko, falls dies öffentlich wird
- Druck auf Hersteller ausüben, indem Konsequenzen wie Delisting angedroht werden
- Pro: Im Erfolgsfall günstigere Einkaufspreise oder Eindämmung des Grauen Marktes und damit geschwächte Konkurrenz
- Contra: Der Bezug über den Grauen Markt könnte bei einem Delisting steigen; Delisting schadet dem Umsatz; Reputationsschäden, mögliche negative PR
- Strategische Allianz mit dem Hersteller zum Schutz des Marktes
- Pro: Win-Win-Situation für Hersteller und BeautyCo
- Contra: Falls der Hersteller nicht mitzieht, bleibt die geringe Wettbewerbsfähigkeit bestehen
- Weitere mögliche Ideen:
- Überlegenes Einkaufserlebnis in den Filialen und online bieten, um höhere Preise zu rechtfertigen
- Stärkerer Fokus auf Eigenmarken oder eigene Produkte
- Analyse der Fixkosten, um Spielraum für Preissenkungen zu schaffen
- Partnerschaft mit Amazon
Fazit (wichtig ist, dass Kandidat:in mit einer handlungsorientierten und prägnanten Antwort schließt):
- Wenn BeautyCo keine Maßnahmen gegen den Grauen Markt ergreift, wird sich das Problem mit dem Ausbau des Drogerie- und Online-Geschäfts weiter verschärfen, sodass BeautyCo Marktanteile verlieren wird.
- Am sinnvollsten erscheint es, leichten Druck auf die Lieferanten auszuüben und sich gleichzeitig als strategischer Partner zu positionieren, um den Markt gemeinsam vor grauen Waren zu schützen.
Bain Case: BeautyCo – Wo sind die Gewinne geblieben?