Hi, ich war selbst bei einer Consulting-Firma mit starker Restrukturierungs-Brand und habe neben „klassischeren“ Consulting-Themen auch selbst an Restrukturierungsmandaten gearbeitet.
Zu deiner grundsätzlichen Frage, ob man aktuell noch ins Consulting einsteigen sollte: Das würde ich klar bejahen. Dazu findest du hier und auf anderen Plattformen bereits zahlreiche Threads mit differenzierten Argumenten. Ich würde mich deshalb auf den Restrukturierungs-Teil deiner Frage fokussieren:
a) Warum Restrukturierung ein spannendes Feld ist
Gerade im Zuge von AI wird sich die Beratungslandschaft verändern. Ein Mittelständler/Konzern kann sich heute beispielsweise Ideen für eine Expansionsstrategie von einer KI erarbeiten lassen. Auch Marktdaten lassen sich mittlerweile in Sekunden erheben, für die früher teilweise ein vierwöchiges Beratungsprojekt im sechsstelligen Bereich beauftragt wurde.
Ich sage nicht, dass solche Projekte verschwinden werden. Aber die Nachfrage danach und insbesondere der Mehrwert, den eine Beratung dabei stiften kann, werden sich verändern.
Bei wirklich kritischen Situationen – beispielsweise einer sich anbahnenden Insolvenz oder einer akuten Liquiditätskrise – ist der Griff zur KI dagegen deutlich weniger trivial. Hier geht es teilweise um Tage oder Wochen, und es steht sehr viel auf dem Spiel – im Extremfall die Existenz eines Unternehmens.
Genau hier sehe ich auch langfristig einen relevanten Platz für gute Berater: Es braucht nicht nur fachliches Know-how, sondern gerade auch sehr ausgeprägte Soft Skills – etwa in der Kommunikation mit Management, Gesellschaftern, Banken und anderen Stakeholdern, im Umgang mit Konflikten und bei Entscheidungen unter hohem Zeitdruck.
Darüber hinaus lernt man im Restrukturierungsumfeld aus meiner Erfahrung ein sehr solides finanzielles Handwerkszeug: integrierte Businessplanung, Liquiditätsplanung, Cash Management, Szenarioanalysen etc. Gerade die Fähigkeit, ein Unternehmen wirklich finanziell zu verstehen und kurzfristig durch eine kritische Situation zu steuern, ist in vielen anderen Bereichen der Beratung weniger ausgeprägt.
Wenn dir diese Kombination aus Finance, operativer Problemlösung, hoher Dynamik und direkter Arbeit mit dem Management liegt, kann Restrukturierung daher ein sehr gutes Zuhause sein.
b) Restrukturierung ist allerdings nicht gleich Restrukturierung
Das ist aus meiner Sicht der wichtigere Punkt, wenn du dich konkret mit einem Einstieg beschäftigst.
Bei einigen Häusern besteht ein großer Teil des Geschäfts aus klassischen Gutachten. Du baust dann ein relativ standardisiertes Produkt – häufig eine 100+ Seiten-PPT mit immer wieder ähnlichen Kapiteln: Markt, Wettbewerber, Financials, Restrukturierungsmaßnahmen, Szenarien etc. Das ist keineswegs schlecht, insbesondere wenn du dir zunächst ein solides Handwerkszeug aufbauen möchtest.
Es gibt aber auch Restrukturierungshäuser bzw. Teams, bei denen du deutlich weniger der klassische Gutachter bist. Stattdessen arbeitest du sehr eng mit dem Management, identifizierst innerhalb kurzer Zeit konkrete Hebel und begleitest bzw. verantwortest deren Umsetzung. Das ist dann in vielen Punkten tatsächlich „echte“ Beratung.
Adressen wie Andersch, SMP, Roland Berger, Alvarez & Marsal oder AlixPartners spielen beispielsweise alle im Restrukturierungsumfeld eine Rolle. Was du dort konkret machst und vor allem, was du dabei lernst, kann sich aber erheblich unterscheiden – nicht nur von Firma zu Firma, sondern teilweise auch von Projektteam zu Projektteam.
Daher würde ich im Recruiting sehr gezielt nachfragen: Welche Art von Restrukturierungsprojekten macht das Team tatsächlich? Wie viel Gutachten vs. Umsetzung? Wie nah arbeitet man am Management? Welche Rolle spielt Financial Modeling/Liquiditätsplanung? Und wie viel Verantwortung übernimmt man als Junior tatsächlich?
Das sind aus meiner Sicht deutlich aussagekräftigere Fragen als nur „Wie stark ist eure Restru-Praxis?“.